Peter Sloterdijk: Der Fürst und seine Erben

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Rezension: Sloterdijks neuester Essay ist eine hellsichtige Reflektion über die autoritären Zeitenwende, und gleichzeitig ihr Symptom.

Ohne Zweifel hätten die Ereignisse der letzten Monate, in denen Donald Trump in den Krieg gegen den Iran zog, Peter Sloterdijk dankbares neues Material geboten für seine Beschreibung jenes „Absurditätstheaters“, das zu den klassischen Begleiterscheinungen jener autokratischen Fieberphasen zählt, die die Menschheit zyklisch immer wieder aufs Neue heimsuchen.

Donald Trump ziert nicht nur das Cover des Buches, von ChatGPD in ein (in der Zuordnung etwas zweifelhaftes) Portrait Cesare Borgias hineinretouchiert, sondern ist, nachdem er vor einem Jahr mit potenziertem disruptivem Elan und Sendungsbewusstsein seine zweite Amtszeit antrat, ohne Zweifel auch Anlass und Fixpunkt für Sloterdijks Überlegungen.

Ausgangspunkt ist dabei jenes Buch vom titelgebenden „Fürsten“, Niccolò Machiavellis „Il principe“, in dem dieser, nachdem er zuvor mit den „Discorsi“ ein umfangreiches Werk über die republikanische Staatskunst verfasst hatte, einen radikalen Schwenk zur autoritären Machtpolitik vollzieht, den ihm die neuen Realitäten seiner Zeit diktierten. War das Volk zuvor in den „Discorsi“ noch als „weise und beständig“ gepriesen worden, wird in seinem neuen Buch auch mal dessen Auslöschung nach Karthagischem Vorbild geraten, wenn es sich nicht dem neuen Fürsten beugen will.

Jene neuen brutal autoritären Realitäten, denen die Weltöffentlichkeit seit geraumer Zeit mit einer Mischung aus Erstaunen und Erschrecken folgt, werden aktuell auch von zahlreichen Kommentatoren alarmistisch, kritisch oder kämpferisch beschworen. Doch Sloterdijk ist nicht der Typ des Philosophen mit Agenda. Vielmehr kommentiert er aus seiner apollinischen Loge das dankbare Spektakel des Welttheaters von den Fürsten und seinen Untertanen zwischen idealistischen Aufschwüngen und absurden Abgründen. Und es ist durchaus faszinierend wie Sloterdijk die Galerie der Cäsaren von der Antike bis in unsere Tage abschreitet und all die komplexen psychosozialen und metaphysischen Komponenten beschreibt, von denen diese Figuren und ihre Massenwirkung  bestimmt werden.

Darin liegt auch das Hauptinteresse dieses Buches. Wie dieses mysteriöse Phänomen der Autorität, die Fähigkeit andere Menschen von der eigenen Auserwähltheit zu überzeugen, entsteht, und durch welche Legitimierungsmechanismen und numinose Beschwörungen es sich manifestiert.

Verwilderte Vertikalität

Dabei bemüht Sloterdijk den auch schon in seinen anderen Büchern gerne verwendeten Begriff der Vertikalität als Ausdruck für jene transzendentalen Energien, die einer Gemeinschaft in Form von Religionen, philosophischen Weltentwürfen, idealistischen oder demagogischen Fantasien als Fixpunkt zur Selbstverortung dienen. Diese Vertikalität habe eine Dynamik sowohl nach oben ins Spirituelle als auch nach unten in die Volksmasse. Während in politisch stabilen Zeiten diese Kräfte einen Anker bilden, der dem gesamten Hierarchiegebilde einen Rahmen gibt, finde in Zeiten der Instabilität, ausgelöst durch äußere oder innere politische Verwerfungen, eine Verwilderung dieser Energien statt, und geben damit Individuen Gelegenheit, sich Versatzstücke dieser numinosen Energien anzueignen und zum eigenen Aufstieg zu nutzen.

So hatte bereits Julius Caesar das altehrwürdige Amt des „pontifex maximus“ für seine Karriere missbraucht und spielte nicht nur bei der, auch bei Shakespeare berichteten Szene, als er bei den Spielen zum Fest Lupercalia das ihm von Marcus Antonius angetragene Königsdiadem zurückweist, permanent mit alten Ritualen und Insignien. Machiavellis Zeitgenosse Kardinal Cesare Borgia, Sohn des „pornokratischen“ Papstes Alexander VI., eiferte seinem namensgebenden Idol in der Mischung aus Korruption und skrupelloser, zwischen kirchlichen und weltlichen Strukturen hin und her schweifenden, Machtpolitik nach, jenes dramatische Ende als Opfer eines kollektiven Mordrituals inbegriffen.

Besonders angetan hat es Sloterdijk Napoleon III., Neffe von Napoleon Bonaparte und zunächst Präsident dann Kaiser von Frankreich, der ein besonders denkwürdiges, und von Victor Hugo bissig kommentiertes, Schauspiel der Absurdität lieferte, in dem die neuen bürgerlichen und alten monarchischen Rituale in einer potpurriartigen Melange verklebten. Zuletzt hat auch Donald Trump ähnliche Kostproben der Verwilderung zum Besten gegeben, indem er sich mal als christliche Heilsfigur, mal als ein von popkulturellen Kinomythen inspiriertem „chosen one“ imaginierte.

Alte und neue Fürsten

Jene Fluktuationen von Führungsbegriffen zwischen Konsuln und Diktatoren, Magistraten und Fürsten, Kanzlern und Königen, Präsidenten und Kaisern sind bereits bei Machiavelli angelegt, der selbst von „alten“ und „neuen“ Fürsten spricht, jenen mit ererbter oder übertragener Macht und den neuen Aufsteigern, die sich die Macht selbst erwerben. In seinem Falle war die Konfusion besonders groß, da die alten und neuen „Fürsten“ paradoxer Weise dieselben waren. Hatten die Medici bereits die Florentinische Republik im 15. Jahrhundert als Führer der Volkspartei dominiert und waren 1494 vertrieben worden, kehrten sie 1521 zurück (was zugleich das Ende von Machiavellis Karriere bedeutete), und wurden 1532 dann tatsächlich zu den „neuen“ Fürsten der Toskana.

Schon in der antiken Politiklehre seit Plato wird diese Unterscheidung zwischen guten „Monarchen“ als Diener des Staates und „Tyrannen“ als Ausbeuter des Staates gemacht. Plato selbst, der Generation nach dem Niedergang der Athenischen Demokratie durch den Peloponnesischen Krieg angehörend, war ein Demokratie-Skeptiker, da er gerade in der Verwilderung zur “Pöbelherrschaft” das demagogische Mittel sah, das den Tyrannen als Leiter zum Aufstieg dient, wie in unseren Tagen die MAGA Bewegung für Donald Trump. Auch Machiavelli vollzog dann selbst diesen ideologischen Wechsel in seinem „Principe“, die eine Lehre der Machination des Machterwerbs, der Unterwerfung und der Ausbeutung ist, durchaus konsequent.

Jene neue Machiavellistische Lehre vom „Schlechtsein“ bezeichnet Sloterdjik denn auch als historische Wende, in der von den christlichen Paradigmen des Mittelalters mit seinen idealisierenden Fürstenspiegeln Abschied genommen wird. Tatsächlich durchlief das Christentum zu jener Zeit einen historischen Transformationsprozess, denn wie einerseits das Papsttum völlig verwilderte, wuchs mit Martin Luther aus der Not das Rettende im Antidot des reinigenden Protestantismus.

Machiavelli, Brutus und Cassius

Es ist ein wenig verwunderlich, warum Niccolò Machiavelli immer wieder als prominenter Politikberater durch die Historie mäandert. Denn nüchtern betrachtet war er ein Versager. Er war als Sekretär mit militärischen und diplomatischen Aufgaben in der florentinischen Republik in Amt und Würden als mit der Niederlage gegen den spanischen Heerführer Raimondo de Cardona, dem ein großes diplomatisches Schachern vorausgegangen war, das Ende der florentinischen Republik besiegelt wurde, und damit für jene historische Niederlage mit verantwortlich.

Und weder gelang es ihm, eine Rolle bei den neuen Machthabern zu spielen, obwohl er sich mit seinem „Il principe“ demonstrativ und opportunistisch dafür andiente, nicht unähnlich wie einige heutige, ehemals liberale Silicon Valley Figuren bei Donald Trump. Noch hatten seine Empfehlungen zur Vereinigung der italienischen Fürstentümer und Republiken, um vor allem gegen Spanien, das nach der Entdeckung Amerikas um 1500 zur neuen Weltmacht aufstieg, ein Gegengewicht zu bilden, nennenswerten Erfolg.

Dabei hatte Machiavelli analytisch durchaus Recht, denn im Laufe des 16. Jahrhunderts fielen tatsächlich einige italienische Fürstentümer unter spanische Herrschaft und Italien verlor sukzessive an Bedeutung im europäischen Machtgefüge. Doch war es gleichzeitig illusionär zu glauben, dass eine Vereinigung Italiens unter den damaligen Umständen, jener Phase „verwilderter Vertikalität“, überhaupt möglich gewesen wäre, in der die Machthabenden eher dazu neigen, den eigenen Vorteil zu retten als sich zu verbünden. So dürften sich auch die aktuellen Forderungen, Europa müsse sich zu einem einheitlichen Machtgebilde vereinigen, um gegenüber den USA und China bestehen zu können, als genauso illusionär erweisen.

Eigentlich erinnert Machiavelli eher an die Protagonisten zum Ende der römischen Republik Brutus und Cassius. Auch diese glaubten, sich mit der Ermordung von Julius Caesar des „Schlechtseins“ bedienen zu müssen, um gegen die nackte und skrupellose Machtpolitik Caesars und seiner Anhänger anzukommen. Doch begriffen sie nicht, dass sie damit nur das Tor der Legitimierung geöffnet hatten, das dem Triumvirat dann die Möglichkeit bot mit seinen radikalen Proskriptionen durch eben dieses Tor zu gehen. Und wie bei Machiavelli endete die Karriere von Brutus und Cassius, und mit ihr die römische Republik, in einer schmachvollen Niederlage bei Philippi.

Intellektualität versus Animalität

In Shakespeares Römerdrama sagt Julius Caesar über Cassius, was so mancher Florentiner wohl über Machiavelli sagte: „He thinks too much: such men are dangerous“. Und den großen Intellektuellen der römischen Republik Marcus Tullius Cicero ereilte ein makabres Schicksal als er, als eines der ersten Opfer der Proskriptionen, ermordet und sein Kopf und seine Hände am Rednerpult des Forum Romanum ausgestellt wurden.

Auch Sloterdijk stellt fest, dass es charakteristisch für diese verwilderten Phasen zu sein scheint, dass sie sich in einer Aggressivität gegenüber Intellektuellen äußern. Damals war der Protagonist dieser Aggressionen Marcus Antonius. Er hält bei Shakespeare die demagogische Gegenrede zu Brutus auf dem Forum nach Caesars Tod, veranlasste die Ermordung Ciceros und führte das Heer bei Philippi gegen Brutus und Cassius. Und nicht nur Machiavellis Bücher wurden bald verboten, auch später wurden immer wieder „entartete“ Kunst und „schädliche“ Bücher verbannt und verbrannt. So spürt man auch bei Donald Trump dieses persönliche Ressentiment gegen alles, was höheren geistigen oder ästhetischen Anspruch hat. 

Sloterdijk thematisiert diesen Gegensatz von Intellektualität und Animalität immer wieder, zunächst in der von Machiavelli zitierten Figur des Kentauren Chiron (einer Kreatur, die halb Mensch halb Tier ist), der Lehrer des Achilles war und anzeigt, dass die Sphäre von Macht und Krieg ohne jene animalischen Aspekte nicht denkbar ist.

Gegen Ende des Buches kommt Sloterdijk, wohl auch im Wunsch auf einer hoffnungsvollen Note zu enden, darauf zurück indem er von einer „Immunität“ gegen den animalischen Wahnsinn der Macht spricht. Europa sei im 20. Jahrhundert durch einen Prozess der Immunisierung gelaufen und solle daran arbeiten eine globale „Herdenimmunität zu fördern“. So gerne man daran glauben würde, zeugen solche Vorstellungen von jener Inkompatibilität von intellektuellen und animalischen Machtbegriffen. Europa ist immun, nicht weil es einsichtig sondern weil es ohnmächtig ist.

Es ist durchaus merkwürdig, dass nicht nur Machiavelli sondern auch andere prominente Kommentatoren und Analytiker der Geschichte von Macht und Krieg wie Thukydides, Dante Alighieri oder Clausewitz in ihren eigenen politischen und militärischen Karrieren gescheitert waren. Denn sie versagten dabei ausgerechnet in der allerersten Prämisse der Macht: der Fähigkeit an jener Macht, die man durch das Rad der Fortuna erlangt hat, festzuhalten.

Augustus (Octavian) ist das historische Exemplum dieser Kunst. Weder als Militär noch als Politiker besonders begabt – praktisch alle seine Erfolge gingen auf das Konto seiner Mitstreiter, zunächst Marcus Antonius und später Marcus Agrippa – besaß er eben jene Fähigkeit durch alle Wirren und Katastrophen hindurch mit phänomenaler Zähigkeit den Griff von der Macht nicht zu lösen während Brutus und Cassius, wie von Shakespeares grausam geschildert, in einer Orgie der Resignation verenden.

Tatsächlich scheiterten alle Demokratien und Republiken zwischen Athen und Weimar an jenem machiavellistischen Missverständnis, man müsse zu ihrer Rettung zu drastischen Mitteln greifen, um dann bitter zu erfahren, dass jene analytischen Intellektuellen, die sich als große Staatslenker gerierten, eben jenes animale Machtspiel der irrationalen Eskalationen überhaupt nicht beherrschen und kläglich scheitern.

Auch bei Peter Sloterdijk offenbart sich dieser blinde Fleck gegenüber den brutal banalen Mechaniken der Macht, wenn er jene Frage in Shakespeares „Julius Caesar“ missversteht: „von welchem Fleisch ernährt sich unser Caesar, dass er so groß geworden ist?“ Es waren nicht, wie er annimmt, die höheren Zeichen, die Caesar nach der Erzählung Suetons empfing, die ihm die Macht gaben, den Rubikon zu überschreiten und Rom sein eigen zu machen, sondern die ökonomischen Mittel, die ihm der Gallische Krieg in die Hand gegeben hatte.

Das ist die Machtformel aller Diktatoren: die Kriege und Investitionen mit den Mitteln des Staates zu bezahlen, die Gewinne jedoch in die eigenen Taschen zu lenken. Das ist das „Fleisch“, von dem bei Shakespeare die Rede ist. Nicht nur Putin hat es in den 90er Jahren ebenso getan. Auch Elon Musks Space-X Projekt folgt demselben Muster, und es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit bis er seinen Rubikon zur Herrschaft über die USA überschreiten wird.

Vertreibung aus dem Paradies

Bei der Beschreibung davon wie Macht und Hierarchie entsteht beginnt Sloterdjik buchstäblich bei Adam und Eva und präsentiert eine politische Deutung der biblischen Vertreibung aus dem Paradies. Diese markiere das Ende des anarchischen Jäger-und-Sammler-Dasein des Menschen hinein in tribale, von Hierarchien bestimmte Strukturen. Konsequenter Weise bezeichnet er den Schritt in die städtische Zivilisation, mit der Kodifizierung von Rechten und Pflichten, als “zweiten Sündenfall“.

Gewiss hat Sloterdijk Recht damit, dass der moderne Staat ein Tauschgeschäft ist, in dem das Individuum Souveränität opfert im Austausch gegen Sicherheit. Doch hat er gleichzeitig wohl eine zu idealisierte Vorstellung von einem Leben in Anarchie, das er als das „herrenlos herrliche Dasein diesseits von Gut und Böse“ verklärt. In Wahrheit ist die totale Freiheit durch permanente Gefahr bedroht, und in einer anarchischen Welt Mord und Vergewaltigung an der Tagesordnung.

Überhaupt scheint diese idealisierte Vorstellung von einer heilen Natur, zwischen Klimawandel, wilden Wölfen und gestrandeten Walen, die große Lebenslüge unserer Epoche zu sein. In Wahrheit sind alle Aspekte des Menschseins, von den entselbsten Vegetationen und intuitiven Schwärmen bis hin zu den rivalisierenden Gruppierungen und gefährlichen Predatoren, vom produktiven Gleichgewicht der Kräfte des Lebens bis hin zur disruptiven Zerstörung der Naturkatastrophen, im evolutionären Bewusstsein unseres Planeten angelegt.

Das Besondere an mythischen Erzählungen ist, dass sie sich mit dem Betrachter wandeln und ihre allegorischen Perspektiven gleich einem Prisma wechseln können. Und so wäre gewiss auch eine alternative Deutung des Garten Eden denkbar. Nämlich dass dieser die egalitäre Form des Zusammenlebens darstellt, die mit ihren flachen Hierarchien das breiteste Gemeinwohl produziert, und in der Demokratie ihre moderne Form gefunden hat. Und jener Apfel, der Adam und Eva ihrer gleichmachenden Nacktheit gewärtig werden lässt, eben jenes Symbol der Macht ist – was in anderen mythischen Traditionen die Ringe, Schwerter oder Zaubertränke sind – das die narzisstischen Begierden der Exzeptionalität entfesselt wie sie für die autoritären Phasen so charakteristisch sind.

Souveränität

Doch hat Sloterdijks durchaus Recht damit, dass eben dieser innere Zwiespalt zwischen individuell animalischem Bedürfnis nach Ungebundenheit und Souveränität auf der einen, sowie einer zivilisatorischer Erziehung zum Gemeinwohl eben jene empfindliche Sollbruchstelle ist, um die die autoritären Energien kreisen, und diejenigen, die sich die Autorität borgen wollen, sie von einem Gegenüber empfangen müssen, das bereit zu diesem Akt der Selbstaufgabe ist. Alle politischen Umbrüche der Geschichte nahmen ihren Ausgang von dieser empfindlichen Friktion.

Doch hat Sloterdijk eine merkwürdige Vorstellung von Souveränität, wenn er impliziert, dass das Volk als Souverän in der Demokratie mit seiner Führungsrolle eigentlich überfordert ist. Es gibt in Staatsgebilden eine Rollenverteilung, die im Grunde unabhängig von der jeweiligen Staatsform ist. Nicht nur die Bundeskanzler unserer Tage sondern auch die Monarchen des 19. Jahrhunderts mussten das Volk bei Laune halten. Und Könige waren genauso wenig Experten in Steuerrecht und Volkswirtschaft wie der Wähler in der Wahlkabine. Der Apparat wird immer von einer administrativen Expertenkasse gelenkt, und Entscheidungsprozesse hangeln sich an den Interessen der betroffen Gruppen und deren Einfluss entlang.

Wie alles im Leben sind auch Staatsformen Kompromisse. Es ist kein Geheimnis, und Sloterdijk merkt es immer wieder an, dass der Konsenszwang der Demokratien eine lähmende Wirkung haben kann, die gerade in Krisenzeiten gefährlich ist. Doch umgekehrt hat eben diese Trägheit auch eine stabilisierende Wirkung (Machiavelli hatte auch hier analytisch mit der „Beständigkeit“ durchaus Recht). Denn umgekehrt sind auch die Bilanzen der Monarchien nicht besser, weil hier zwar effektiver Entscheidungen getroffen werden können, doch selbstherrliche Fehlentscheidungen dafür umso mehr Unheil anrichten.

Schon Plato war sich dieser Problematiken vollkommen bewusst und wollte das Regieren ganz den Experten überlassen, die zudem durch den Entzug von privatem Eigentum gegen Korruption imprägniert werden sollten. Im popkulturellen Star-Trek-Kosmos hatte diese platonische UN-Utopie eine Zeitlang zumindest fiktional durchaus Konjunktur. Doch offenbart sich auch hier die typische Intellektuellen-Naivität im Glauben, dass die Besitzenden und Untertanen freiwillig zu solch radikalen Zugeständnissen der Souveränität bereit sein würden. Die vergangenen Jahre haben uns denn auch drastisch gelehrt, dass, sobald die Machtverhältnisse in Bewegung geraten, alle frommen Ideale von UN und Völkerrecht wieder Makulatur werden.

Autorität

Wie entsteht nun aber dieses Phänomen der Autorität, das Menschen zur Aufgabe der eigenen Souveränität motiviert? Für Peter Sloterdijk ist es aus den privaten Hierarchien der Vater und Sohn Beziehungen über die Lehrer-Schüler Beziehungen (für die die Platon Dialoge gewissermaßen die prototypischen Beispiele sind) in tribale und zivilatorische Strukturen hineingewachsen. In Vergils Erzählung von Aeneas, der mit dem Vater auf der Schulter und dem Sohn an der Hand aus dem brennenden Troja flieht, um an einem neuen Ort mit diesem Nukleus eine neue zivilisatorische Saat zu setzen (aus dem später das römische Reich entstehen würde), zeichnet sich diese Autoritätsgebilde ab.

Doch wie sich diese vertikalen Spannungen bilden, in denen sich Schwärme um einen numinosen Fixpunkt sammeln, bleibt eines der großen Mysterien der menschlichen Spezies. Und da diese Spannungen so volatil sind bedürfen sie auch beständig der Bestätigung und Erneuerung. Sloterijk nennt die biblische Geschichte von Abraham und der Forderung Gottes nach dem Opfer seines Sohnes Isaak als eben einen solchen Test nach unbedingtem Gehorsam gegenüber der Autorität. Doch auch hier lässt sich ebenso eine Interpretation von „unten“ anwenden, nämlich dass das Gemeinwohl über die eigenen familiären Interessen gestellt werden müsse.

Man kann diese autoritären Mechanismen nicht nur in Machtkontexten beobachten, auch in Kunst und Kultur spielen sie eine überragende Rolle. Welche Bilder, Bücher und Werke, welche Protagonisten in den alten und neuen Medien, welche Stars und Sternchen Bedeutung und Relevanz erlangen, nährt sich ganz entscheidend aus solchen Energien. Es bleibt ein zauberisches Geflecht von Begabung, Zeitgeist, Ehrgeiz, Selbstsuggestion und dem chaotischen Zufall, wie, wann und wodurch sich diese Elemente zu einem magnetischen Geflecht verdichten.

Fazit

Wie immer bei Peter Sloterdijk geht es auch in diesem Buch weniger um handfeste Thesen als um ein kursorisches Umkreisen von Phänomenen, und unter dieser Prämisse hält dieses Buch viele hoch interessante und faszinierende Einblicke bereit, die sich gerade bei mehrfachem Lesen mehr und mehr entfalten. Gleichzeitig offenbart die Zaghaftigkeit, mit der Sloterdijk über Lösungen spekuliert, dass er auch selbst spürt, dass die Waffen der Vernunft stumpf geworden sind, und so ist diese Buch gleichermaßen ein Symptom jener aktuellen Ohnmacht.

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